Nach einem langen Flug komme ich an einem diesigen Nachmittag in Rio de Janeiro an.

In Brasilien lebt die Seele des Fußballs. Kurz vor der Weltmeisterschaft bin ich hierher gekommen, um diese einzigartige Atmosphäre zu erleben.

Fans auf der ganzen Welt fiebern dieser WM entgegen.

Doch sobald das erste Spiel angepfiffen wird, beginnt das große Leid.

Die Niederlagen schmerzen noch Generationen später und werden zu nationalen Traumata.

Man muss nur die Ungarn nach Bern ‘54 fragen oder die Deutschen nach Córdoba ‘78, die Italiener nach Los Angeles ‘94 oder die Engländer nach irgendeinem Elfmeterschießen.

Am 12. Juni waren die Fans aller 32 Mannschaften noch voller Optimismus.

Bis zum 26. Juni wird jeder zweite von ihnen voller Verzweiflung sein.

Ab dem 13. Juli werden gerade einmal 3,125 Prozent aller Fans und Spieler die WM für den Rest ihres Lebens in glücklicher Erinnerung haben.

Brasilien hat den WM-Titel häufiger als jedes andere Land gewonnen, aber auch die herzzerreißendste Niederlage der Fußballgeschichte erlitten.

Es geschah an einem tragischen Nachmittag vor 64 Jahren, im Maracanã-Stadion hier in Rio.

Brasilien brauchte nur ein Unentschieden gegen Uruguay, um den Titel zu holen. Die Zeitungen hatten den Sieger schon vorab gemeldet. Rund 200 000 Fans waren außer sich, als Brasilien 1:0 in Führung ging.

Brasilien brauchte nur ein Unentschieden gegen Uruguay, um den Titel zu holen. Die Zeitungen hatten den Sieger schon vorab gemeldet. Rund 200 000 Fans waren außer sich, als Brasilien 1:0 in Führung ging.

Aber in der 66. Minute schoss Uruguay ein Tor. Und dann noch eins in der 79. Das Spiel war aus. Die Brasilianer verstummten. Drei Herzinfarkte soll es im Stadion gegeben haben.

Aber in der 66. Minute schoss Uruguay ein Tor. Und dann noch eins in der 79. Das Spiel war aus. Die Brasilianer verstummten. Drei Herzinfarkte soll es im Stadion gegeben haben.

Die ganze Nationalmannschaft wurde verteufelt. Die meiste Schuld wurde dem Torwart gegeben, Moacir Barbosa.

Die Niederlage wurde “Maracanaço” getauft, der “Schlag von Maracanã”. Bis heute sucht er die brasilianische Psyche heim.

Ich kann seine Gegenwart überall spüren.

Ich beschließe, den Maracanaço besser kennen zu lernen.

Wie alle Brasilianer, die ich getroffen habe, ist er höflich und gastfreundlich. Er lädt mich zu einem Spiel in seinem Stadion ein.

Obwohl er offiziell im Ruhestand ist, kann er sich manchmal nicht zurückhalten.

Maracanaço und ich verstehen uns blendend.

Unsere gemeinsamen Interessen gehen über den Fußball hinaus.

Zum Beispiel sind wir beide Liebhaber moderner Architektur.

Er sagt mir, dass jeder ernsthafte Architektur-Nerd die Oscar-Niemeyer-Gebäude in Brasilia sehen muss.

Und los geht's.

Maracanaço hatte recht: Diese Architektur ist beeindruckend.

Aber ich kann sie nicht genießen. Ich muss ständig an den Torhüter des Teams von 1950 denken.

Moacir Barbosa wurde 1921 im Staat São Paulo geboren. Ab 1945, nach seinem Wechsel zu Vasco da Gama in Rio, ging es für ihn steil bergauf.

Barbosa galt als einer der besten Torhüter der vierziger Jahre.

Er spielte mit bloßen Händen, um ein besseres Gefühl für den Ball zu haben.

Aber der Torwart trägt eine besondere Bürde. Ein winziger Fehler kann eine ansonsten brillante Leistung ruinieren.

In jener schicksalhaften 79. Minute am 16. Juli 1950 hatte Barbosa einen Querpass erwartet und das kurze Eck offen gelassen. Uruguay nutzte die Chance.

Barbosa spielte noch einmal für die Nationalmannschaft, dann nie wieder.

Noch Jahrzehnte später war er bei den Brasilianern verhasst. Einmal hörte er, wie eine Mutter zu ihrem Kind sagte: “Das ist der Mann, der ganz Brasilien zum Weinen gebracht hat.”

Arm und einsam starb Barbosa am 7. April 2000 an einem Herzinfarkt.

Melancholisch kehre ich nach Rio zurück und frage mich, ob ich je Brasiliens einzigartige Fußball-Esprit finden werde.

Es stellt sich heraus, dass sie erst nachts auflebt …

... nah am Ufer im Stadtteil Flamengo, wo eine Reihe von Fußballfeldern zwischen die Schnellstraßen gequetscht wurde.

Es gibt Essen und Trinken, aber die Leute kommen wegen des Fußballs.

Einige spielen barfuß. Andere sehen aus und spielen wie Sportler aus einem Werbespot.

Nach ihren Spielen bleiben die Fußballer auf den Stufen neben den Feldern sitzen, sie essen, trinken und kommentieren die anderen Mannschaften.

Es kommen immer neue Spieler hinzu. Hier treffen sich die Kellner und Köche der umliegenden Hotels nach ihrer Spätschicht.

Um Mitternacht gehe ich zurück ins Hotel. Sie spielen die ganze Nacht weiter.

Am Morgen danach treffe ich Maracanaço ein letztes Mal an unserem liebsten Kokosnuss-Stand.

Gleich fängt die WM an ...

Wenn Brasilien diesmal den Titel in Rio holt, werden sie den Fluch des Maracanaço vielleicht endgültig besiegen.

Ich wünschte nur, dass ich dieses letzte Tor bei der WM 1950 ungeschehen machen und Barbosas Ruf retten könnte.

Bevor ich zum Flughafen aufbreche, kehre ich für einen Spielzug zurück zu den Fußballfeldern in Flamengo.

Moacir, der hier ist für Dich.